Mensch & Natur: Retten was zu retten ist

Das Große Schmelzen

Auch am Rettenbachgletscher ist es längst im Gange. Der Klimawandel regiert vor allem in der Eisregion mit gnadenloser Härte. Die Auswirkungen sind so allgegenwärtig, dass es einem die Sprache verschlägt. Am allgemeinen Zustand des Rettenbachferners habe ich mich bereits hier abgearbeitet, „Vom Tod eines Gletschers„, ein weiterer Beitrag behandelt den Skitag, „Licht und Schatten„. Eigentlich genug für einen Tag im Herbst, eigentlich.


Titelbild: Trostlose Szenerie – der Gletscherlift am Seiterjöchl auf dem blanken Gletschereis des Rettenbachferners.


Ich selbst fand die Stimmung so bedrückend, ja faszinierend dass es mir einen weiteren Beitrag Wert ist. Hier soll es vor allem um die Wechselwirkung von Klimawandel, Mensch, Natur und Massentourismus gehen. Ein Thema das durchaus (mehr) Aufmerksamkeit verdient. Außerdem möchte die Maßnamen beleuchten, die Sölden betreibt um den Gletscher zu „schützen“ bzw. eher für den Skibetrieb zu „erhalten“ – zumindest so lange wie möglich.

Skistadion Sölden
Sogenanntes Gletscherstadion, für Events in beeindruckender Naturkulisse…

Wie bereits beschrieben stellte dies meinen ersten Besuch im Touristenmekka Sölden dar. Auf der einen Seite war mir natürlich bewusst – Sölden, das ist kein Nationalpark, kein Naturwunder. Eine Straße bis zum Gletscherrand wo Parkplätze liegen, massive Pistenkorrekturen – teils mit Sprengstoffeinsatz.
Natürlich bin auch ich über die Gletscherstraße gekommen, habe sie sogar gerne genutzt. Auch ich fahre Ski, nutze gerne Liftanlagen und begrüße eine durch Beschneiung erst fahrbar gemachte, ja wenn es unbedingt sein muss auch künstlich angelegte Abfahrt. Unter einer dicken Schneedecke lassen sich alle Sünden leicht verstecken.

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Rettenbachtal, dahinter Rettenbachgletscher. Durch das Tal windet sich eine künstlich angelegte Piste durch eigentlich ungeeignetes Gelände.

 

 

Moderner Wintersport und Natur – das sind zwei Dinge die eigentlich nicht zusammen passen, wohl aber harmonieren können. Ein gewisses, vielleicht teilsweise auch nur im Kopf existentes Naturerlebnis gehört zumindest für mich bei Skilaufen noch dazu. Dies ist in Sölden jedoch offensichtlich, großteils nur mit kaschierender Schneedecke möglich. Derartige Pistenkorrekturen, viele Abfahrten sind auch im Sommer mehr als deutlich als solche auszumachen, haben meine Augen bislang noch nicht erblickt. Entsprechend präsentiert sich auch das Söldener Ortsbild. Massen-, Wintertourismus wie im Bilderbuch. Es reiht sich Bar an Bar, Kneipe an Kneipe und Hotel an Hotel in einem kitschig nachempfundenen Tiroler Baustil. Dazu ist der Ort außerhalb der Saison eine Geisterstadt. Klar gibt es das auch in anderen, weniger mondänen Alpenorten. Ein Wunder für mich, dass sich hierher auch Sommertouristen verirren sollen.

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Surreal: Riesige Asphaltflächen vor dem Gletscher. Hinten das Winterskigebiet am Gigijoch.

Gletscherbewirtschaftung

Der Rettenbachgletscher ist dem Tode geweiht. Der fortschreitenden Klimaerwärmung hat er wenig entgegenzusetzen. Jedes Jahr schrumpft er vor ein weiteres Stück zusammen, was natürlich auch Auswirkungen auf dem Skibetrieb hat.
Durch das Einsinken des Eises verändert sich die Oberfläche und mit ihr die darauf befindlichen Pisten. Dort wo das Eis ganz verschwindet treten blanke Felsen und Geröll an die Oberfläche. Kein ideales Terrain für eine Skipiste. Auch schwimmend im Gletschereis verankerte Liftanlagen verändern ihre Lage. All dem versucht man, soweit sinnvoll, bestmöglichst entgegenzuwirken.

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Zungenende des Rettenbachferners. Vorne-rechts der Auslauf der Weltcupabfahrt, Mitte-rechts der Weltcuphang.

 

 

Hege und Pflegemaßnamen

Teile des Gletschers, Lifttrassen und Skipisten werden über den Sommer mit einem reflektierenden und regenabweisenden Vlies vermattet. So kann sowohl das darunter liegende Gletschereis sowie ein Teil des Winterschnees über den Sommer gebracht werden. Dies ist eine rein punktuelle Maßname und dient einzig und allein der Aufrechterhaltung des Skibetriebs. Das Schmelzen des Gletschers kann so, über die Fläche, nicht aufgehalten werden.  Ansehnlich ist das ganze nicht. Der Rettenbachferner gleicht im unteren Bereich einer Industriebrache.
Ist das Weltcupopening wirklich so Prestigeträchtig das sich dieser massive Aufwand lohnt?
Zugegeben, ich war am Vortag am Morteratschgletscher wandern. Auch dieser Gletscher ist alles andere als gesund – jetzt kommt das große aber. Das ganze stellt sich zumindest optisch weitaus harmloser dar, wohl auch wegen der eher unberührten Umgebung. Nein, ich stand nicht zu ersten mal auf einem (schmelzenden) Gletscher und trotzdem, ich muss gestehen, der Zustand, ja man muss regelrecht sagen der Zerfall des Rettenbachferners hat mich regelrecht schockiert. Ein beeindruckendes Zeugnis der derzeitigen Erderwärmung, die man andernorts oft eher belächelt oder vom Hörensagen kennt. Steht man jedoch direkt vor den unmittelbaren Auswirkungen sieht die Sache dann ganz anders aus.

Dreck & Müll

Da ein Skigebiet kein Nationalpark ist, und sich auf einem Gletscher auch Dreck- und Rußpartikel aus weiter Entfernung ansammeln können (was zum Teil ganz normal ist) findet sich auf dem Gletscher eine ganze Menge Zivilisationsmüll.

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Müll, Dreck und Ruß auf dem Rettenbachferner. Im Hintergrund wird gebaggert.

 

 

Seiterjöchl

Am Nordwestlichen Rand des Rettenbachferners liegt der Schlepplift Seiterjöchl. Neben einer eigenständigen Piste dient dieser Bereich auch als Rück- und Zubringer zum Tiefenbachferner und zur Talstation der Schwarzen-Schneidbahn, zur Umfahrung des Steilhangs. Auch hier sind die Söldener mit Hege- und Pflegemaßnamen beschäftigt. Es wird also gebaggert was das Zeug hält.

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Einsame Liftstütze auf den Resten des Rettenbachferners. Rundherum nichts als Schutt unter welchem teilweise noch Eisreste liegen. Trostlos.

 

 

Das Gletscherloch

Im Sommer 2003 wurde die neue Schwarze-Schneidbahn errichtet. Sie führt von der Zunge des Rettenbachferners über eine Mittelstation am Rettenbachjoch in Richtung der Schwarzen Schneid. Um eine schwimmend im Eis gebaute Gletscherstütze zu vermeiden grub man nahe der Mittelstation den Gletscher bis zum Felsboden ab. Aus Angst das fließende Eis könnte die Stütze umdrücken versah man diese mit einer Heizung – was ein Irrsin. Die Heizung war bis heute nicht in Betrieb. Der Eisfluss ist durch den Klimawandel nahezu zum Stillstand gekommen. Im Gegenteil, durch die größere Oberfläche des Eises vergrößtert sich das Loch von Sommer zu Sommer und machte bereits die Talstation des Karleskogelschleppliftes unerreichbar. Selbiges könnte künftig auch mit der Mittelstation der neuen Seilbahn geschehen.

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Tiefenbachferner

Einen weiteren Teil des Söldener Gletscherskigebietes bildet der Tiefenbachferner. Dieser liegt noch etwas Höher als der Rettenbachgletscher, ist aber sonnseitig ausgerichtet und schmilzt noch schneller. Derzeit herrscht hier noch kein Skibetrieb. Dafür sind, wen wundert es, Bagger aktiv.

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Talstationsbereich am Tiefenbachferner. Hier unten ist das Gletschereis bereits lange abgeschmolzen. Der Gletscher endet heute viel weiter oben.

 

 

Endlich „fertig“ 🙂


Mehr auf diesem Blog zum Thema Sölden & Rettenbachferner:


 

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