Hamm: Ostern in der Heimat

Heimat ist so ein Wort. Man versucht dem Begriff etwas negatives anzuhaften – durch missbräuchliche Nutzung manchmal nicht zu unrecht. Aus meinem Wortschatz ist die Heimat dennoch nicht verschwunden, schon gar nicht aus meinem Kopf. Neben meiner Wahlheimat in und um Bremerhaven, der alten Wahlheimat in Bochum, liegt meine eigentliche Heimat vor den Toren von Hamm. Hier bin ich geboren, aufgewachsen und (größtenteils) zu dem Menschen geworden, der ich heute bin. Dafür hätte es vermutlich kaum einen besseren Ort geben können. Ich hatte hier eine wunderbare Zeit.

Wie eine gestörte Beziehung

Trotzdem ist meine Beziehung zu Hamm so eine Sache. Ja, die Stadt ist irgendwie langweilig, grau und trist. Was zunächst vielleicht eine eher spätpubertäre Ansicht war, hat sich bis heute hartnäckig gehalten. Hamm leidet an Selbstüberschätzung und -Beweihräucherung, die vor allem auch in den lokalen Medien zum Ausdruck kommt (wobei das nicht Hamm exklusiv ist). Die Stadt misst sich eine Bedeutung zu, die sie nicht hat – statt sich auf seine wahren Stärken zu berufen. Man wohnt eben bei Dortmund, hat den größten Glaselefanten der Welt und ist einfach „elefantastisch“, das Filetstück im Städtedreieck Münster-Siegen-Bielefeld. Dicker kann man wohl nicht auftragen. Nicht das es mir etwas ausmachen würde… Ich bin kein Großstadtkind, zum Glück.

#Blühender Japanischer Kirschbaum
Japanischer Kirschbaum in voller Blüte.

Hamm ist anders

Hamm selbst ist mit einer Fläche von fast 230km² eine der größten Städte des Landes. Viel zu groß für rund 180.000 Einwohner, in Summe eher kleinstädtisch. Hamm ist keine „richtige“ Stadt. So etwas wie ein „Wir-Gefühl“ kommt nicht auf – im Gegensatz zu Bochum und Bremerhaven die über eine eigene Identität verfügen aber dennoch nicht der Nabel der Welt sind. In Hamm macht jeder Stadtteil macht sein Ding, man kommt aus Rhynern, Heessen oder Werries. Irgendwo durch die Stadt verläuft eine unsichtbare Grenze zwischen dem Zechenkumpeltum des Ruhrgebiets und den manchmal etwas spießigem, ländlichen Westfalen. Man gehört zum Ruhrpott, zum Münsterland und irgendwie auch zum katholischen Ostwestfalen. Eine eigene Identität fehlt. Wirklich verbindend ist nur die lokale Schnellrestaurantkette Schanzenbach. Dank guter Bahn- und Autobahnanbindung kommt aber schnell raus. Den Hammer Bahnhof kennt fast jeder Westfale. Das Ruhrgebiet, Sauer- und Münsterland liegen vor der Tür.
Kulturell bietet Hamm vor allem eine nie endende, „Ufftata“, Schützenfestsaison. Das Bürgertum hat eben seine Traditionen, etwas lächerlich wirkende Phantasieuniformen und pseudomilitaristische Märsche inklusive. Man liebt es oder man hasst es.
Aufgrund der riesigen Grundfläche, eigentlich nicht weiter verwunderlich, gibt es aber sehr viel Grün. Felder, Wiesen und Wälder, die Flussauen von Lippe und Ahse. Den Tierpark und den Maximilianpark. Hamm ist auch schön, vor allem für Kinder und damit auch Familien.

Kindheit im Grünen

In diesem Grün bin ich aufgewachsen. Keine Nachbarn, das nächste Haus 500m entfernt, ein riesiger Garten, zwitschernde Vögel, Hühner, Ziegen und Katzen – ein ehemaliger Bauernhof. Stadtrand- und Landidylle in einem – was kann es als Kind schöneres geben? Ein kleines Paradies. Meine Liebe und Einstellung zu Natur und Umwelt entstand hier. Die ganze Familie, samt Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins lebte und lebt im nahen Umkreis. Der Tellerrand von Hamm scheint sehr hoch zu sein.
Daran hat sich bis heute wenig geändert. Natürlich leben meine Eltern noch immer hier, inzwischen auch die nächste Generation. Haus und Hof in fremder Hand, die Vorstellung könnte ich wohl nicht ertragen. Ich komme gerne zurück, schwelge in der Vergangenheit genieße die Gegenwart und die Möglichkeit immer wieder hierher zurückzukehren. Trotzdem mag ich die Tatsache nicht mehr hier zu leben. Ein riesiges Grundstück, mit Tieren, Teich, Gärten und Streuobstwiese ist etwas schönes, etwas erhaltenswertes. Es bedarf viel Freizeit und Aufwand und Mühe dieses Paradies für Menschen und Wildtiere intakt zu halten. Etwas das ich nicht leisten kann und will. Nichts ist für immer, aber wer weiß was die Zukunft bringt.

4 Kommentare zu „Hamm: Ostern in der Heimat

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  1. Es ist von unschätzbaren Wert seine Kindheit in der Natur verbringen zu dürfen. Oft wird dort der Grundstein der Liebe und des Respekt für unsere Umwelt gelegt.
    Hamm kenne ich nicht. Aber wenn ich dort mal „landen“ werde, geh ich es eh unvoreingenommen an und bilde mir mein eigenes Bild. Hannover hat in den Medien auch ein recht negatives Image. Einiges stimmt, doch vieles nicht.
    Zum Heimatbegriff zu stehen, finde ich gut. Warum sollte man sich von diesen nervigen Aussagen von Medien und Politikern beeinflussen lassen?
    Die Aufnahme von den Bienen ist beeindruckend. So etwas habe ich noch nie gesehen.

    Gefällt 1 Person

    1. Hamm ist natürlich auch eine lebenswerte Stadt, nur eben in anderer Hinsicht als aus Sicht der Verantwortlichen. Ich sehe die Stadt ja nicht nur kritisch ;-). Für mich als junger Mensch hat die Stadt seinerzeit einfach nicht mehr das geboten was mir wichtig war. Das fing vor allem mit einem Studienplatz an und mit all dem was dann noch so dazu gehört. Davon ab finde ich es sowieso wichtig, aus entwicklungstechnische Sicht, den Schoß seiner Heimat zumindest vorrübergehend mal zu verlassen. Ein Erfahrungsgewinn der einen Menschen enorm weiterbringt. Dafür muss man seine Wurzeln ja nicht vergessen. Ansonsten ist Hamm, für Kinder und gestandene Erwachsene ein guter Platz zum leben, aufwachsen und altwerden. Auf jeden Fall wenn man es ruhig mag ;-). Hannover kenne ich leider nur sporadisch, berufsbedingt, das reicht nicht aus um mir eine Meinung darüber zu bilden.

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  2. Heimat ist ein spezielles Wort. Leider oft Negativ behaftet wie du schon geschrieben hast. Ich komme aus einem kleinen Dorf nahe der Ostsee, von dort ging es mit 9 Jahren nach Lübeck, meiner 2. Heimat und mit gut 30 nach Hamburg, wo ich immer noch lebe und mich zu Hause fühle. Aber wenn ich an „meine“ Heimat denke, dann denke ich an Lübeck. Wenn ich global denke, dann bin ich ein deutscher Europäer.
    Ich finde es auch seltsam, das man schief angeschaut wird wenn man über Heimat spricht oder erwähnt, stolz auf die Heimat zu sein.
    Lieben Gruß, Ewald

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  3. Ich habe zwei „Heimaten“, wenn ich das mal so ausdrücken darf! Meine alte und erste ist München und meine zweite ist hier in Kanada. Beide liebe ich und beide sind Teil meines Lebens!

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