Status: Steingletscher

Durch seine Lage, nahe der Sustenpasshöhe, ist der mittelgroße Steingletscher einer der bekannteren Eisströme in den Schweizer Alpen. Seine einstmals formschöne und einfach zu erreichende Gletscherzunge, mit lehrbuchhaften Gletscherendsee, konnte länger als die meisten dem Klimawandel trotzen. In den vergangenen Jahren ist das Gletscherende aber regelrecht kollabiert und hat sich, über mehrere Felsstufen, in unwegsames Gelände zurückgezogen. Die einstige Gletscherzunge ist dabei fast restlos abgeschmolzen.

Ein Opfer des Klimawandels


Der Steingletscher im September 2005 (links) und im September 2019. Das fast vollkommene Abschmelzen der einst prachtvollen Gletscherzunge ist unverkennbar. Selbst in großen Höhen, am Gwächtenhorn in weit über 3.000m Höhe ist die Eisdicke massiv zurückgegangen. Dabei sind große Felspartien ausgeapert.

Gletscherschwankungen

Heute misst der Steingletscher noch etwa 4,3km Länge2) und bedeckt eine Fläche von 5,7 km² 2). Der Ursprung des Gletschers liegt in einem Sattel zwischen dem Sustenhorn (3.502m) im Osten und dem Gwächtenhorn (3.420m) im Westen, wo er in den Steinlimigletscher übergeht, der aber dabei ist, zu einem kleinem Firnfeld zurückzuschmelzen.
Das im Nährgebiet gebildete Eis fließt nach Norden und bildet eine Gletscherzunge. Ein Nebenarm bricht über eine Felsstufe zwischen Tierbergli und Bockberg ab, ein weiterer zum ehemaligen Steinlimigletscher. Das Gletschertor liegt derzeit auf einer Höhe von ~2.250m  und damit immernoch recht niedrig.

Blick auf Steingletscher und Steinsee mit deutlichen sichtbaren Moränenwälle von der Sustenpasstraße aus. Der von Gletschermilch, trübe See entstand erst in den 1950er Jahren, als sich der Steingletscher zurückzog. Erst um 1995 verlor die Gletscherzunge den Kontakt zu Gewässer. Heute, nur 25 Jahre später, ist der Eisrand mehr als einen Kilometer vom See entfernt.

Gletscherschwankungen

Während der Kleinen Eiszeit, zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert erreichte der Steingletscher, wie alle übrigen Eisfelder der Alpen, seinen nacheiszeitlichen Maximalstand. Wiederholt überfuhr seine Zunge dabei den Ort, an dem heute das Hotel Steingletscher liegt. Der Letzte große Gletschervorstoß endete um 1850. Das Gletschertor lag damals nur wenig oberhalb des Hotels auf 1.880m Höhe. Auch die heute sichtbaren, gewaltigen Moränenwälle stammen aus dieser Zeit. Anschließend begann sich der Gletscher zurückzuziehen. In etwa 30 Jahren verlor er gut 400m an Länge. Kurze Vorstoßphasen um 1890 und 1920 läuteten anschließend eine Phase der Stagnation ein. Bis in die 1930er Jahre bliebt die Gletscherzunge relativ stabil. Die Lage der Gletscherzunge schwankte dabei um 1.930m. Beim folgenden Rückzug bildete sich der heutige, inzwischen noch 10 Hektar große Steinsee. Bis 1970 zog sich die Gletscherzunge fast einen halben Kilometer zurück und verlor dabei auch den Kontakt zum See.

Gletscherstände des Stein- und Steinlimigletschers. Rot die Maximalausdehnung in der kleinen Eiszeit mit ihren mächtigen Moränenwällen, grün der Eisrand um 1920, orange der Eisrand um 1990

Der letzte Gletschervorstoß

Ab 1970 wölbte sich die Zunge des Steingletscher stark auf und das Gletscherende begann wieder vorzustoßen. Dabei erreichte der Eisrand auch wieder den See und kalbte kleine Eisberge in das Gewässer. Diese Wachstumsphase endete 1989. In den letzten 19 Jahren war der Steingletscher mehr als 250m vorgerrückt. In der folgenden Phase des langsamen Rückzugs verlor die Gletscherzunge wieder 100m an länge und auch wieder den Kontakt zum See.

Das Große Schmelzen

Etwa ab der Jahrtausendwende, insbesondere seit dem damals als „Jahrhundertsommer“ beschreienen Hitzewelle im Jahr 2003, verlor der Steingletscher stark an Dicke und begann sich immer schneller zurückzuziehen. Bis zum Jahr 2009 verlor er weitere 250m an länge und war damit so kurz wie seit Jahrhunderten nicht mehr.
Anschließend beschleunigte sich der Rückzug nochmals immens. Bis 2019 verkürzte sich die Gletscherzunge um einen halben Kilometer. Dabei verlagerte sich das Gletscherende um mehr als 300m in die Höhe, in eigentlich kühlere Regionen.
Inzwischen ist es so warm geworden, dass sich im Firngebiet kaum mehr neues Eis bilden kann. Die Gletscherzunge wird kaum mehr mit Nachschub versorgt. Die Bewegung ist am Eisrand beinahe zu Stillstand gekommen. Das Gletscherende zerfällt mehr und mehr und zieht sich in immer größere Höhen zurück.
Ein Ende der Gletscherschmelze ist nicht abzusehen. Der Steingletscher könnte bis Ende des Jahrhunderts fast ganz verschwinden. Die Gletscherzunge bis dahin längst abgeschmolzen sein.

#Steingletscher Zungenende
Das Zungenende des Steingletschers hat sich in den letzte Jahren regelrecht kollabiert, in 10 Jahren fast 700m kürzer geworden und über mehrere Felsstufen zurückgewichen.

Der Steingletscher auf dem Höhenpunkt der Kleinen Eiszeit, 19731) und 20102)


siehe auch:


Verweise:


Quellen:

Kartendaten:
1) Schweizer Gletscherinventar 1973: Müller, F., Caflisch, T. & Müller, G. 1976, Firn und Eis der Schweizer Alpen (Gletscherinventar). Publ. Nr. 57/57a. Geographisches Institut, ETH Zürich, 2 Vols. & Maisch, M., Wipf, A., Denneler, B., Battaglia, J. & Benz, C. 2000, Die Gletscher der Schweizer Alpen: Gletscherhochstand 1850, Aktuelle Vergletscherung, Gletscherschwund-Szenarien. (Schlussbericht NFP 31). 2. Auflage. vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich, 373 pp. & Paul, F. 2004, The new Swiss glacier inventory 2000 – application of remote sensing and GIS. PhD Thesis, Department of Geography, University of Zurich, Schriftenreihe Physische Geographie, 52, 210 pp.2) Schweizer Gletscherinventar 2010: Fischer, M., Huss, M., Barboux, C. & Hoelzle, M. 2014, The new Swiss Glacier Inventory SGI2010: relevance of using high-resolution source data in areas dominated by very small glaciers. Arctic, Antarctic, and Alpine Research, 46, 933–945.

Daten Längenänderung: GLAMOS 1881-2018, The Swiss Glaciers 1880-2016/17, Glaciological Reports No 1-138, Yearbooks of the Cryospheric Commission of the Swiss Academy of Sciences (SCNAT), published since 1964 by VAW / ETH Zurich, doi:10.18752/glrep_series.

Fotovergleich: Originalbild bearbeitet und beschnitten. Urheber: aiace telemonio, Mailand/Italien. Lizenz: CC BY 2.0

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