Eisiger Friedhof unter Planen: Begehbare Gletscherspalte am Kaunertaler Gletscher

Der Weißseeferner in den Ötztaler Alpen, allgemein unter dem Namen Kaunertaler Gletscher bekannt, liegt im Sterben. Für weite Teile der Eisreste  unterhalb der Weißseespitze gilt nicht einmal mehr das. Sie sind teil einer Leiche. Ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. Einst blaues Eis schmilzt nun grau und schwarz, vielerorts von Steinen und schlammigen Staub bedeckt, seinem nahen Ende entgegen. Im Sommer – vor allem in diesem außergewöhnlichen, im Jahr 2002 – überdauert kein Schnee mehr, das Eis erhält keine Nahrung mehr. Der Kaunertaler Gletscher ist im Sommer nicht mehr, als ein schauriges und aus diesem Grund trotzdem sehenswertes Mahnmal der Klimakatastrophe.
Damit sich der Aufwand rechnet, Straße und Infrastruktur sollen schließlich auch in der schneelosen Jahreszeit noch ein paar Euro abwerfen versucht man etwas zu bieten. Das das einst ewige Eis nur noch ein Schatten seiner selbst ist, dürfte sich längst herumgesprochen haben. Eine diese Attraktionen ist die begehbare Gletscherspalte.

„Ewiges Eis“ unter Plastikplanen

Die soganennte „begehbare Gletschespalte“ ist eine von drei künstlichen Eisgrotten auf Österreichs Gletschern. Am Dachsteingletscher findet sich der „Eispalast“ am Stubaier Gletscher eine weitere Eishöhle. Schon der Name ist irreführend, den es handelt sich mitnichten um eine natürliche Gletscherspalte sondern um in das Eis geschlagene Tunnel.  Damit sich dieser Aufwand lohnt, das Eis mit den Tunneln nicht im nächsten Sommer wieder Geschichte ist – schließlich können im Sommer durchaus eine Meter Eis abschmelzen, hat man das Bauwerk mit einer das Sonnenlicht reflektierenden und das Eis isolierenden Kunststoffdecke verkleidet – und diese schützt ziemlich effektiv.

Im Eis über dem Eis

In die Tiefen des Eises gelangt man hier längst nicht mehr. Die Eisgrotte ragt längst, wie ein gespenstischer Hügel, als Relikt besserer Tage, mehr als ein Dutzend Meter über die Umgebung. Vom Gletscher kaum mehr eine Spur. Faszinierend wie effizient die Planen das Eis konservieren, erschütternd wie viel davon rundherum abgeschmolzen ist.

Die begehbare Gletscherspalte ist nicht die Erste am Kaunertaler Gletscher. Ihre Vorgängerin – die Reste davon – finden sich gute 350m weiter bergab. Das Eis ist verflossen, auf Ewig vermag auch keine Abdeckung das Eis zu schützen.
Im inneren der Grotte ist nichts von umgebenden Plastik zu spüren. Auch wenn Vorfreude und Faszination schon vor dem betreten der Eishöhle verloren gegangen sind – eine künstliche Eishöhle würde in einem intakten Gletscher nicht anders aussehen: Hellblaues, von Schutz und Spalten durchzogenes Gletschereis. Die Tunnel – gezeichnet vom Schmelzen – auch wenn die Temperatur hier drinnen nur wenig, aber eben doch über dem Gefrierpunkt liegt. Von den Decken tropft das kalte Schmelzwasser auf die Haut. Der Tunnel ist zwar länger als gedacht und doch nach 200m schon zu Ende. Ein kurzweiliges Spektakel mit Ablaufdatum. Die „begehbare Getscherspalte“ am Kaunertaler Gletscher wird wohl die letzte ihrer Art an diesem sterbenden Gletscher sein. Noch ein bis zwei Sommer, dann ist es vermutlich vorbei mit dem Eisfriedhof unter den Kunststoffplanen.

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Verweise:

Ein Kommentar zu „Eisiger Friedhof unter Planen: Begehbare Gletscherspalte am Kaunertaler Gletscher

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  1. Was für ein Wahnsinn! Betrachter selbstgemachten Infernos, Verschwindens …
    Können wir mehr?
    Das Ganze stoppen?
    (Aktuell: Wann lernt die Wirtschaft, dass Flüsse wie Rhein und Donau nicht mehr so schiffbar sein werden, wie „sie“ sich das wünscht – möglichst ganzjährig? [… um es mal mit gegenwärtig allzu verbreiteter Primitivität auszudrücken …]- Wenn das nicht zum Heulen wäre, könnte man sich über unsere Lobbyisten totlachen!)

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