Über den Suldenferner: Gletscherweg von der Schaubachhütte zum Langenstein

Für den heutigen Tag haben wir uns eine wirklich hochalpine Tour mit Gletscherüberquerung vorgenommen. Von Sulden aus geht es zunächst mit der Seilbahn hinauf zur Schaubachhütte dann über den Suldenferner zur Hintergrathütte und schließlich zur Langensteinhütte. Von dort dann mit dem Sessellift zurück ins Tal und über den Kurweg zurück zur Seilbahnstation. Knappe 10km – die sich nach wenig anhören, in denen aber weit mehr steckt als es die nackten Zahlen aussagen können.

Der Suldenferner: Ein Gletschersonderling

Der Suldenferner ist mit einer Fläche von noch gut 6km² einer der größten Gletscher Südtirols und ist mit seiner starken Schuttbedeckung ein Sonderfall unter den Eisfeldern der Alpen. Noch vor 150 Jahren reichte seine Zunge bis auf den Talboden vor Sulden. Der Gletscherhat sich dabei nicht nur verkürzt und in der Fläche halbiert, er ist mittlerweile auch in drei Teile zerfallen. Den eigentlichen, schuttbedeckten Suldenferner, sowie zwei weitgehend geröllfreie Gletscherteile zwischen Königsjoch und Suldenspitze dem „südlichen Suldenferner“ – unterhalb dieser Gletscher startet unsere Tour.

Von der Schaubachhütte zum Gletscherweg

An der Seilbahnstation (2.600m) genießen wir zunächst den Blick auf die Berg- und Gletscherwelt, auch wenn sich die Gipfel des berühmten Dreigestirns aus Ortler, Zebru und Königsspitze den ganzen Tag in den Wolken versteckt. Wir starten gemächlich über das planierte Geröll der Skipisten und biegen nach einem halben Kilometer in das Vorfeld des südlichen Suldenferners ab. Der Weg wird schmaler, wir gewinnen keine Höhe, kurzen steilen Aufstiegen folgt meist ein abrupter Abstieg – immer im Angesicht der immer noch eindrucksvollen, aber sichtbar abschmelzenden Eises. Schneefelder – wie sie eigentlich Ende Juli auch außerhalb der Gletscher noch die Regel sind, finden wir keine mehr. Dafür aber reichlich Schmelzwasserbäche.

Die Gewitter der Vortage haben Spuren hinterlassen. Das was sich Gletscherweg nennt, ist im steilen und abschüssigen Moränenschutt manchmal nicht mehr als einen Fußbreit – da sind Trittsicherheit und manchmal auf Mut gefragt. Schließlich betreten wir, fast unmerklich, den Suldenferner (2.580m).

Der Gletscherbach von den Eisfeldern unterhalb der Sudenspitze fließt in Richtung des Suldenferners.

Über den Suldenferner

Auf dem Suldenferner endet der sichtbare Weg. Das Gelände ist ständig in Bewegung, das Eis fließt, für das menschliche Auge unsichtbar, einige Meter pro Jahr zu Tal. Niederschläge und Gravitation machen den Schutt beweglich, sommerliche Schnelzwasserbäche schneiden sich metertief in das Eis. Der Wegverlauf verändert sich daher jährlich und ist lediglich durch regelmäßige Stangen im Geröll markiert – die auch mal umfallen.

Obwohl es beim gewohnten auf und ab bleibt, gewinnen wir nun an Höhe. Auch wenn es nicht steil ist, das fortkommen im groben und lockeren Geröll gestaltet sich anstrengender als so mancher Aufstieg. Drei Schritte vorwärts gehen, zwei rückwärts rutschen ist das Motto. Hier und da blinzelt mal Eis aus dem Schutt – immerhin wissen wir jetzt worauf wir rutschen denn die Schuttauflage ist dünner als gedacht.

Wasserfälle aus Eis

Direkt vor uns liegt nun der erste von zwei spektakulären Hängegletschern. Das „saubere“ Eis des Königswandferners speist wie ein riesiger, gefrorener Wasserfall das schuttbedeckte Eis des Suldenferners. Zwar erreicht seine Kante seit einigen Jahren nicht mir die Oberfläche, durch Abbrüche nährt es aber weiterhin den Hauptstrom – wenn auch nur noch in verminderten Ausmaß. Doch selbst dort oben schmilzt das Eis. Neben der Eiszunge plätschern Wasserfälle über die Flanken der Königsspitze und verschwinden unter dem Suldenferner.
Während wir uns durch den Schutt nach oben kämpfen, taucht der zweite und obere Hängegletscher auf, der Payerferner. Eine schmale Eiszunge erreicht noch den Boden, rundherum zeugen Eistrümmer von jüngsten Abbrüchen. Schaurig schön und traurig, dass diese mystischen Eisgebilde an einem nicht mehr fernen Tag verschwunden sein werden.

Die Hängende Eiszunge des Königswandferners. Auch hier schmilzt der Gletscher in diesem Sommer ununterbrochen. Dort, wo das Eis noch „Ewig“ sein sollte, bilden sich bis über 100m hohe Wasserfälle.

Das große Schmelzen

Je weiter wir aufsteigen, desto mehr näher wir uns dem Zentrum des Suldenferners. Mehr und mehr Klüfte, Spalten und Gletschermühlen kommen zum Vorschein. Die Schmelzwasserbäche werden häufiger, breiter und tiefer und fangen an sich zu überlappen. Das Wasser frisst sich kleine, eisige Canyons in den Gletscher – die wir abenteuerlich queren oder umständlich umgehen müssen. Die kurzen Passagen mit Blankeis sind „dank“ der Staub- und Schmutzbedeckung des Eises kein Problem.

Die Geröllschicht ist an vielen Stellen kaum einen halben Meter dick. Sie ist dem Eis nicht abträglich – im Gegenteil. Ist die Schuttdecke  schützt sie das darunter liegende Eis vor der direkten Sonneneinstrahlung und mindert so die Schmelze – weshalb der Suldenferner immer noch bis auf 2.500m herrunterreicht. Dennoch ist auch dieser Gletscher akut im Bestand gefährdet. Ihm fehlt es schlichtweg an Nahrung für neue Eisschichten, vom Schnee des Winters oder Lawinenkegeln fehlt schon im Juli fast jede Spur – auch auf dem oberen, schuttfreien Teil des Gletschers.

Schmelzwasserbach auf dem Suldenferner. Nur am Grund und an den Flanken ist das Gletschereis zu sehen. Da sich das eisige Tal beständig weiter vertief kommt es immer wieder zu kleinen Rutschungen.

Zur Hintergrathütte

Nachdem wir den höchsten Punkt der Wanderung, am Suldenferner (2.750m) erreicht haben, ist es nicht mehr weit mit zum Gletscherrand mit seinen mächtigen Endmoränen. Dahinter erreichen wir, sehr zur Freunde unseres Vierbeiners, endlich wieder mit (spärlicher) Vegetation bedecktes Gelände – die kleinen Beine eines Dackels sind nicht für Geröllfelder gemacht.

Kurz darauf erreichen wir, „nur“ 5,7km hinter unseren Ausgangspunkt – für die wir fast drei Stunden gebraucht haben, die Hintergrathütte (2.661m). Wir kehren ein, ordern auch hier eines der spärlichen, vegetarischen Gerichte und genießen den Blick auf Sulden, das Tal, und die umgebende Bergwelt.

Vom Hintergrat zur Langensteinhütte

Während über den Bergen dunkle Wolken aufziehen machen wir uns über Morisiniweg auf zur Langensteinhütte. Vor uns liegen noch drei Kilometer Abstieg, der erste Teil davon, immer wie die Fliege an der Wand und teils mit Seilsicherung. Über uns die Felsen Hintergratköpfels, unter uns die Abgründe des Schönleiten – und dazu immer dunklere Wolken.

Noch bevor die Schutthalden des End-der-Welt-Ferners in Sicht kommen, öffnen sich am Scheibenkofel die Pforten des Himmels. Wir befinden uns noch immer in 2.550m Höhe, sind mitten im steilsten Teil des Abstiegs und noch immer zwei Kilometer von der Langensteinhütte entfern. Es wird richtig unangenehm denn unsere Kleidung ist nass, der Weg rutschig.

Schließlich erreichen wir, wieder im trockenen, die Seitenmoränen des End-der-Welt-Ferners – dem kleinen Bruder des Suldenferners. Ein ebenso schuttbedeckter Gletscher, der im unteren, zu querenden und eisfreien Teil, aber für den Skibetrieb planiert wurde – was es immerhin angenehmer zu gehen macht. Schließlich erreichen wir die Langensteinhütte (2.350m) wo wir ohne Rast mit dem Sessellift zurück ins Tal fahren.

Durch den Regen zurück zur Seilbahn

Im Tal angekommen sind es noch einmal knappe zwei Kilometer und 90 Höhenmeter, über den Kurweg, zurück zur Sulden-Seilbahn. Wiederum beginnt es zu regnen, dann zu schütten. Wir sind jetzt nicht blos nass – wir sind klatschnass. Trotz Regens erreichen wir schließlich zufrieden und erfüllt von einer tollen Bergwanderung unseren Ausgangspunkt.

Statistik:
Streckenlänge: 10,6km
Aufstieg: 540m
Abstieg: 780m
Höhe Max: 2750m
Höhe Min: 2.315m

4 Kommentare zu „Über den Suldenferner: Gletscherweg von der Schaubachhütte zum Langenstein

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  1. Unheimlich, wie sich das verändert hat. Wir sind 1995 von der Schaubachhütte über den Suldenferner zum Eisseepass und weiter zur Casatihütte + Cevedale auf- und abgestiegen. Da war noch sehr viel Eis und Schnee und kaum Schutt.
    Eine herrliche Gegend 🙂

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