Großer Aletschgletscher (2): Am Eisstrom entlang zum Märjelensee

Das Bettmerhorn ist nicht das Ziel sondern der Start für eine eindrucksvolle Wanderung entlang des größten Eisstroms der Alpen. Dem Großen Aletschgletscher. 14 Kilometer durch eine gewaltige Hochgebirgswelt, mitten im Unesco Weltnaturerbe – immer das einstmals ewige Eis im Blick.  Die gewaltigen Kräfte der Natur hautnah vor Augen.

Zum Märjelensee

Der Normalweg zum Märjelensee unpassierbar. Aufgrund von auftauenden Permafrost ist der ganze Hang in Bewegung geraten. Die Steinschlaggefahr ist hoch. Der Klimawandel schmilzt nicht nur die Gletscher dahin – er bringt auch ganze Berge in Bewegung. Der neue Weg ist etwas länger und vor allem steiler. Bis zum Märjelensee sind es etwa 5km, bis zu meinem Ziel, der Fiescheralpe, weitere 8km. Insgesamt überwinde ich dabei rund 1.500 Höhenmeter, 1.000 bergab – 500 bergauf. Fast immer in der Sonne und mit gigantischer Aussicht auf den Eisstrom des Großen Aletschgletschers und die Walliser Bergwelt.

#Panorama Gletscher Aletsch Mittelaletsch
Panoramaaufnahme des Großen Aletschgletschers. Noch liegt dieser Hang im Schatten, das wird sich schon bald und für den Rest des Tages ändern.

Der Aletschgletscher ist ein wahrer Gigant. Sein Eis bedeckt eine Fläche von über 80km². Seine Zunge ist, gemessen vom längsten Quellfirn ausgehend, über 25 Kilometer lang. Insgesamt besteht der Große Aletschgletscher aus mindestens 10 Kubikkilometern Eis. Mehr als 10% der gesamten Eismasse der Alpen. Die maximale Eisdicke, am Konkordiaplatz beträgt rund 900m. Kaum zu glauben.

Vom Bettmerhorn talwärts

Zunächst gilt es von der Bergstation der Bettmerhorn abzusteigen, denn die Oberfläche des Großen Aletschgletscher liegt gute 700 Höhenmeter tiefer – und es werden jährlich mehr. Zwar kann man das Gletschereis eigentlich nirgendwo, ohne Kraxelei, erreichen. Näher dran geht aber schon. Also auf.

Erstmal geht es auf rund 500m Strecke gute 100 Höhenmeter in Südöstlicher Richtung nach unten. Dann windet sich der Weg nach Norden, dem Eisstrom entgegen. Der Abstieg geht weiter, ich kann mich kaum sattsehen, ein riesiger Strom aus Eis. Ich habe schon einige Gletscher gesehen, auch ein paar weit größere, in Island. Wie ein gefrorener Fluss, so majestätisch wie der Aletschgletscher, wirkte keiner von ihnen. Die Eisformationen sind einfach überwältigend schön. Vergänglich. Kaum vorstellbar, dass dies alles bis zur Jahrhundertwende dahingeschmolzen sein soll. Besonders sehenswert sind die beiden großen Mittelmoränen, die sich beinahe auf der gesamten Länge, wie Autobahnen, über den Gletscher ziehen. Sie entstehen beim Zusammenfluss der drei Großen Firnfelder, Großer Aletschfirn, Jungfraufirn und Ewigschneefeld am sogenannten Konkordiaplatz, 10 Kilometer Stromaufwärts – nur um nochmal die Ausmaße diesen Eisriesen zu vergegenwärtigen.

Am Eisstrom entlang

Der Abstieg geht weiter.  An einigen Stellen ist es recht ausgesetzt, der ein oder andere Trittstein ist etwas wacklig, manchmal muss ich meine Hände zu Hilfe nehmen. Schließlich geht es 1.400m nach der Bergstation meist flach weiter, manchmal auch leicht bergab dahin, immer hart am Hang entlang. Rechts der Berg, links der Abgrund und das Eis. Irgendwann erreiche ich, kaum erkennbar, den ehemaligen Eisrand. Um 1850 lag der Große Aletschgletscher an diesem Punkt. Heute liegt die Oberfläche des Eisstroms 200 Höhenmeter, fast senkrecht, tiefer.

#Gewaltiger Eisstrom Aletschgletscher
Der Große Aletschgletscher ist nicht nur ein gewaltiger Eisstrom – es sieht auch so aus. Die begleitenden, vegetationslosen, Ufermoränen zeigen aber auch hier einen deutlichen Rückgang des Eises. Der Gegenüber liegende Mittelaletschgletscher mündete einst in den Hauptsrom.

Schließlich folgt ein kurzer Gegenanstieg (bis auf 2.390m), der mich an den unteren Rand des Blockgletschers „Grosses Gufer“ führt. Ein langsam zu Tal fließendes Permafrostphänomen – am prallen Südhang. Mir Gegenüber liegt jetzt der Mittelaletschgletscher. Ein kleinerer Talgletscher der von den Flanken des Aletschhorns (4.195m) zu Tal kriecht. Noch in den 1980er Jahren erreichte seine Zunge den Rand des Großen Aletschgletschers und speiste den Hauptstrom. Seitdem hat er sich weit zurückgezogen. Die Gletscherzunge ist im Schutt „ertrunken“ und droht in den nächsten Jahren den Kontakt zum ihren Nährgebiet zu verlieren und damit vom Eisnachschub abgeschnitten zu werden um schließlich zu verschwinden. Kleinere Gletscher reagieren schneller auf den Klimawandel, während der Große Aletschgletscher eher träge und kaum sichtbar auf den auch hier großen Massenverlust reagiert – zumindest bisher.

Hinter dem Blockgletscher geht es dann fast, also nur 300m, direkt am Gletscherrand entlang. Dazu kommen noch einmal 200 Höhenmeter, es geht als beinahe senkrecht nach unten. Vor 150 Jahren lag der Eisrand aber wirklich nahe – damals war der Große Aletschgletscher fast 200m dicker.

Wie auch immer, die Eisoberfläche wirkt nicht nur nahe – sie ist es auch. Das Eis ist einfach faszinierend. Mal ist die Oberfläche durch ein Labyrinth von Gletscherspalten zerrissen. An anderen Stellen fressen sich blaue Schmelzwässerbäche in das Eis, speisen kleine, tiefblaue Gletscherseen. All das wird durch die beiden markanten Mittelmoränen, die wie mit dem Stift gezogen dem Stromverlauf folgen, gegliedert. Ich mache dutzende Fotos, ein Ort wirkt schöner als der andere. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Anbei (erst einmal) eine kleine Auswahl, es gibt sicher noch mal einen Nachschlag:

Um die Kurve zum Märjelensee

Schließlich nähere ich mir der großen Kurve, in welcher der Aletschgletscher seine Fließrichtung von Süd nach West verändert. Hier rückt langsam auch der Konkordiaplatz ins Blickfeld. Der Ursprung des eigentlichen Aletschgletschers. Dort wo sich seine Quellströme vereinen und sich die charakteristischen Mittelmoränen bilden. Schließlich beginnt nach fast 5 Kilometern ein kurzer Abstieg (auf 2.300m), der mich in das Tal des Märjelensees und damit weg vom Gletscher führt. Der Eindrucksvollste Teil der Wanderung nähert sich dem Ende. Ich suche mir ein nettes Plätzchen, genieße die Aussicht und genehmige mir eine Stärkung. Standesgemäß mit Schweizer Käse.


siehe auch:

 

 

 

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