Auf Tuchfühlung mit dem „ewigen Eis“ am Morteratschgletscher

Nach dem schon in jeder Hinsicht überaus eindrucksvollen Gletscherlehrpfad folgt nun der Tageshöhepunkt. Am Eisrand der Morteratschgletschers, dem eigentlichen Ziel der Wanderung – zumindest wenn man bei einer solch atemberaubenden Tour überhaupt davon sprechen kann. Jetzt liegt die Zunge unmittelbar vor mir. Nimmt beinahe das gesamte Blickfeld ein. Gigantische Eismassen, träge und doch immer in Bewegung. Jahrhunderte alter Schnee, zu Eis gepresst und vom Piz Bernina ins Tal geflossen hier zu schmelzen. Unvorstellbar.

Gletscherzunge des Morteratschgletschers

Morteratschgletscher Eisrand Gletscherzunge Gletschertor
Ende der Gletscherzunge mit Gletschertor (Bildmitte) und kürzlich erfolgtem Eisabbruch – zu nahe sollte man dem steilen Eisrand nicht kommen. Vor dem Gletscherabbruch rechts der Bildmitte stehen einige Personen zur Verdeutlichung der Größenverhältnisse.

Nur wenige große Alpengletscher sind so „einfach“ zu erreichen wie der Morteratsch – zumindest noch. Durch den Gletscherrückgang werden es immer weniger. In einigen Jahren wird sich auch die Zunge des Morteratschgletschers hinter einen Felsriegel zurückziehen. Dieser Felsriegel deutet sich durch einen mitten in der Zunge ausschmelzenden Felsen bereits an. Mit dem gemütlichen Fußmarsch ist es spätestens dann vorbei.

Am Eisrand

 

Morteratschgletscher Eis Gletcsher Schweiz
Blick unter den Eisrand. Während die Oberfläche dunkel und dreckig ist, ist die Unterkante glatt, und sauber. Reines Eis.

Das Zungenende des Morteratschgletschers ist sehr heterogen. Die orographisch linke Seite läuft flach aus, ist sehr dreckig und schuttbedeckt, kaum vom eisfreien Gelände zu unterscheiden. In der Mitte findet sich das Gletschertor. Der orographisch rechte Gletscherand ragt einige hundert Meter weiter ins Tal als der übrige Zungenteil. Dieser Bereich der Gletscherzunge ist stark schuttbedeckt und geht nahtlos in Toteis, nicht mehr mit dem aktiven Teil des Gletschers in Verbindung stehenden Eismassen, über.

#Morteratsch Zungenende Abbruch
Vor dem Zungenende des Morteratschgletschers. Trotz der starken schmelze sind die Ausmaße immernoch gewaltig. Links der flache Zungenteil, mittig das Gletschertor mit frischem Eisabbruch, rechts der steile, Toteisartige Zungenteil. Der rote Kreis markiert zwei Personen – zur besseren Einschätzung der Größenverhältnisse.

Schmutzrinde & Geröllablagerungen

Das eigentlich bläulich-weiße Eis verbirgt sich am Zungenende unter einer dünnen Schmutzrinde. Diese besteht aus Ruß, Staub und Pollen die sich im Laufe von Jahhunderten auf dem Gletscher abelagert haben. Im Nährgebiet des Gletschers liegt dieser Schmutz zwischen diversen Schnee- und Firnschichten. Im Zehrgebiet kommt der Schmutz durch Tauvorgänge allmählich an die Oberfläche und ist am Gletscherende am dichtesten. Hier ist das Eis grau, teilweise fast schwarz.

 

Moränen und Findlinge

Zum Schmutz kommt noch eine mehr oder weniger starke Schuttbedeckung. Diese besteht zum einen aus Geröllmassen die von außen auf den Gletscher gefallen sind, andererseits aus ausschmelzenden Steinen die schon weiter oberhalb von Firn und Eis eingeschlossen wurden. All diese Geröllmassen werden durch das fließende Eis zum Zungende transportiert und dort abgelagert. Stagniert das Gletscherende über einen längeren Zeitraum bildet sich durch die Ablagerungen ein Wall, die sogenannte Endmoräne.

 

Auf die Größe kommt es an

Die Schmutzrinde und die Schuttbedeckung haben einen großen Einfluss auf das Abschmelzen des Gletschers. Die Schmutzrinde macht das Eis dunkler, lässt es mehr Sonnenwärme aufnehmen und damit schneller schmelzen.
Beim Geröll kommt es auf die Größe und die Menge an. Kleinere Steine, Kiesel und Staubkörner erwärmen sich schnell, schmelzen sich in die Eisoberfläche ein. Felsbrocken nehmen die Wärme langsamer auf, schützen und beschatten so dass darunter liegende Eis, es bilden sich sogenannte Gletschertische.

 

Isolierende Schuttschicht

Ist die Schuttschicht auf dem Eis dick und geschlossen hat sie eine isolierende Wirkung. Das Eis schmilzt langsamer und kann so auch noch Jahre und Jahrzente ohne Nachschub überdauern. Ist diese Eismasse nicht mehr aktiv, sprich bewegungslos, spricht man von Toteis. Dieses lässt sich am rechten Gletscherrand eindrucksvoll beobachten.

Das Gletschertor

Gletschertor Gletscherzunge Morteratsch
Das Gletschertor des Morteratschgletschers mit seinen steilen Eisklippen. Hier tritt der Gletscherbach an die Oberfläche.

Ungefähr in der Mitte der Zunge liegt das Gletschertor. Aus dieser Eishöhle fließt das gesamte Schmelzwasser, das auf dem Morteratschgletscher anfällt und durch Klüfte und Spalten unter das Eis gelangt, an die Oberfläche. Der Gletscherbach. Dieser führt durch den hohen Anteil von Schwebstoffen, Gesteinsmehl, stark getrübtes, milchiges Wasser. Die sogenannte Gletschermilch.

 

Warmes Wasser und Erosion

Da das Wasser des Gletscherbachs naturgemäß wärmer ist, als das umgebende Eis, frisst es sich regelrecht durch den Gletscher. Vor allem dann wenn es sehr warm ist und viel Schmelzwasser anfällt. Dadurch bilden sich Hohlräume unter dem Gletscher, die irgendwann instabil werden und einstürzen (wie z.B. am Pasterzengletscher). Normalerweise werden diese Hohlräume vom nachfließenden Eis wieder verschlossen. Da durch die Klimaerwärmung aber nur noch wenig Eis nachfließt bleiben die Hohlformen erhalten und kollabieren irgendwann. Das derzeitige Glezschertor befindet sich an solch einem, ehemaligen Hohlraum. Davon zeugen die steilen Abbruchkanten, in welchen das reine, blaue Eis freiliegt und die Hufeisen-Form. Zu weit sollte man sich dem Gletschertor nicht nähern, da hier ständig die Gefahr von Eisabbrüchen besteht.

 

Andenken an ein eindrucksvolles Erlebnis

Um mir ein kleines Andenken an dieses Eindrückliche Erlebnis zu sichern befreie ich schließlich noch einen faustgroßen Granit-Findling aus seinem eisigen Gefängnis. Früher oder später wäre er bei seinen Kumpeln auf dem Talgrund gelandet, ab jetzt liegt er bei mir im Regal.

 

 


Verweise:


siehe auch:

15 Kommentare zu „Auf Tuchfühlung mit dem „ewigen Eis“ am Morteratschgletscher

Gib deinen ab

    1. Ja die Gegend ist wirklich einmalig. Ich war in den Jahren danach noch einige male dort. Der Rückgang des Gletschers vollzieht sich leider in atemberaubendem Tempo. So wie auf den obigen Bildern, sieht es dort schon lang nicht mehr aus.

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  1. Das war ein hochinteressanter Bericht, ich bin schwer begeistert, so viel Details erfahren und auch umfangreich den optischen Eindruck dazu erhalten zu haben!
    Mich haben die Ausmaße bzw. die Größe der Eisflächen und -brocken wirklich überrascht. Man liest immer wieder einmal auch in den Medien, dass die Gletscher schrumpfen, die eisbedeckten Zonen auf dem Rückzug sind und dass es nach Hohlraumentstehung eben zu Einstürzen und Abbrüchen kommt. Ich sah gerade hier in deinem (ist duzen okay?) Antwortkommentar, dass auch der Morteratschgletscher nicht davon verschont blieb. Wie sollte es auch anders sein …
    Allerdings erst durch das Foto, auf dem der Größenvergleich durch die mitfotografierten Personen gegeben ist, wurde mir klar, wie viel größer, massiver als gedacht doch die Eisschichten und auch die Höhe des Gletschertores ausfällt.
    Enorm, welchen Einfluss Geröll, Schmutz, Staub, Pollen etc, also die Zusammensetzung des Eises, auf den Tauprozess oder aber das „Überleben“ des Eises hat. Und endlich ist mir auch mal die Bezeichnung Toteis wirklich ein Begriff.

    VIelen Dank für diesen spannenden Eindruck aus dem ewigen Eis und freut mich, dass der mitgebrachte Findling als persönliche Erinnerung an dieses einmalige Erlebnis existiert!

    LG Michèle

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  2. Du bist ja ganz schön unterwegs auf dieser kleinen blauen Kugel🤗 und du hast mehr Meer. Hätte die Schweiz das auch, neben all den schönen Bergen und Tälern, wäre es mein Paradies. Ist es auch ohne😉 liebe Grüsse Erika

    Gefällt 1 Person

    1. Unterwegs ist relativ. Das Leben ist kurz und die Welt groß ;-). Es gibt so vieles tolles zu sehen, nicht nur in der Ferne – dann gibts natürlich auch Dinge die ich nochmal und nochmal sehen und erleben möchte.
      Aber du sprichst es an, ich liebe die Berge und ich liebe das Meer. Beides in Kombination, zumindest so wie ich es mir vorstelle gibt es leider nicht. Dafür nehme ich das unterwegs sein in Kauf :-).

      Gefällt 2 Personen

  3. Ein interessanter und schöner Bericht! Vielen Dank!
    Auf unseren Bergtouren haben wir leider auch feststellen müssen, dass von Jahr zu Jahr sich die Gletscher zurückziehen. Das Gewicht, das bisher auf den Alpen lag, schwindet und damit hebt sich das Gebirge an … Berghütten, wie z.B. die ehemalige Schwarzensteinhütte in Südtirol/Ahrntal bekommen Risse, etc..
    Ich zitiere aus einem Artikel der SZ ( vom 15.08.2018):
    […] Kein Zweifel, dieser überdimensionale Bergkristall will gesehen werden. Ein Neubau war nötig geworden, weil der Permafrostboden unter der etwas tiefer gelegenen alten Hütte langsam aufgetaut war. „An der Südfassade zeigten sich Risse, die Küchentür konnte nicht mehr richtig geschlossen werden, weil alles ein bisschen in Schieflage war“, sagt der Hüttenwirt Günther Knapp.[…]
    Ich hatte während einer unserer letzten Bergtouren den Begriff „Gletscherauge“ kennengelernt. Also, das Gletschertor etwas lyrisch dargestellt. Und dass es aus dem Gletscherauge weint. Ist so passend, nicht wahr?
    Liebe Grüße!

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    1. Das ist eine ganz traurige Entwicklung. Leider kaum oder garnicht mehr aufzuhalten. Wobei die Probleme nicht durch das fehlende Gewicht des Eises verursacht werden (dafür sind die Alpengletscher viel zu klein), sondern durch das Auftauen des Permafrostes.

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      1. Permafrost! Ja, danke!
        Ohne das Alpengebiet verdüstern zu wollen, aber in einem unserer Wanderurlaube erzählte uns ein Vortragender zum Thema „Alpenraum“ von der ökologischen Katastrophe, sollte es eines Tages keine Gletscher mehr geben, Bäche, die zu Tal gehen und die Landschaft bewässern, austrocknen würden und damit Wald und Wiesen verschwinden. Unvorstellbar!

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